Panamericana 2013

… irgendwo zwischen Alaska und Feuerland

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110km Paddeltour – Bowron Lakes

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Paddelabenteuer pur – die Bowron Lakes

Der Rotwein konnte gestern Abend unseren Kummer um das fehlgeschlagene Befüllen unserer Gasflasche vernebeln. Heute morgen sind die Sorgen wieder präsent. Die vermaledeite Flasche muss gefüllt werden! Ohne Gas bleibt die Küche kalt.
Wir nutzen Tim Hortons WiFi um im Internet eine Lösung zu unserem Problem zu finden. Vergeblich.
Unsere Adapter sind korrekt, warum sich unsere Flasche dennoch nicht auffüllen lässt, bleibt ein Rätsel.
Ein Holländisches Pärchen spricht uns an. Sie kommen aus Alaska und sind mit einem kompakten, aber spritfressenden, drei-achsigen Ex-Armeefahrzeug, unterwegs Richtung Süden. Es folgt der übliche Plausch unter Globetrottern, danach zeigen Sie uns ihren Gasflaschen-Adapter. Der sieht anders aus, ist zum direkten Auffüllen an der Propan-Zapfsäule gedacht. Doch Ausleihen hilft nicht, Holländer haben andere Gasflaschen.

Kino

Kein Gas, aber Spass: Kino in 3D

Wir landen bei einem Wohnmobil-Händler. Der hat allerhand Adapter und Schläuche, doch selbst der Kauf einer kanadische Flasche scheidet aus: Der Gasanschluss unseres Kochers passt nicht. Für heute geben wir erneut auf und auf der Suche nach einer reinigenden Dusche im öffentlichen Schwimmbad von Williams Lake entdecken wir ein Kino. Wunderbar! Mal was anderes, denken wir uns. Erfrischt und sauber, mit Cola und Popcorn bewaffnet, lassen wir uns in den weichen Kinosessel fallen und genießen “Wolverin” in 3D.

Der nächste Tag beginnt mit Routinearbeiten wie Reifenrotation für Jan und Notizenschreiben für Mona. Dann geht’s weiter in den Ort Quesnel.
“Hier stink’s!”, bemerkt Mona.
Es riecht nach Gas. Im ersten Moment vermuten wir unsere eigenen Flaschen, sind schon ein wenig Paranoid. Tatsächlich haben Bauarbeiter eine Gasleitung beschädigt und sorgen nun für ein Verkehrschaos. Wir schlüpfen in ein Sushi-Restaurant und schaffen es gerade noch unsere Take-Away-Bestellung entgegenzunehmen, bevor ein Polizist das Restaurant evakuiert. Nicht’s wie weg, bevor uns hier alles um die Ohren fliegt.

Wir bereiten uns für unser nächstes kleines Abenteuer vor: Eine 8-tägige Paddeltour über die Bowron Lakes. Im Walmart decken wir uns mit Dosen- und Tütenfutter ein, als würde ein Atomkrieg bevorstehen. Aber wer will schon mitten in der Wildnis verhungern, oder?
Zusätzlich kaufen wir uns eine Plane, falls es regnet und eine große Kiste für den Proviantberg und die Ausrüstung.
Die Stichstraße zu den Bowron Lakes endet nach einer 2-stündigen Fahrt auf einer Schotterpiste an der Beckers Lodge. Dort wollen wir uns ein Kanu leihen. Schnell summiert sich die Gebühr auf 300$, dazu kommen 120$ für die Park-Genehmigung. Wir schlucken.
Wir sitzen im Auto und grübeln, ob wir unser Reisebudget strapazieren wollen, als Lothar Vollmar, Chef der Beckers Loge an unsere Scheibe klopft. Ihm ist unser Auto mit den Panamericana Sticker aufgefallen.
“Ihr wollt das machen? Den Panamerican Highway fahren? Das find ich klasse! Da muss ich Euch natürlich einen Sonderpreis machen.”, sagt er und obwohl wir schon vergeblich um den Preis feilschten, fügt er hinzu: “200$ für alles, okay?”
Bei diesem Angebot zögern wir nicht. Juhu, wir gehen paddeln!

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Die Einweisung ist für alle Paddler Pflicht.

Der nächste Morgen startet mit einer Einweisung. Pflichtprogramm für jeden Paddler. Ein Parkranger klärt uns über die Besonderheiten des Bowron Lake Circuit auf. Der Rundkurs über vier Seen ist weltweit einmalig: Bis auf wenige Passagen an denen das Kanu über Land auf einer Art Sackkarren gezogen wird, erreicht man nach 110km die gleiche Stelle, an der man gestartet ist.
Die Verhaltensregeln gegenüber wilden Bären und Details über ein Flussabschnitt mit Stromschnellen, lässt uns kurz zweifeln, ob wir als Kanu-Anfänger das richtige vorhaben. Doch es überwiegt die Vorfreude auf ein besonderes Abenteuer.
Bevor wir wild paddelnd auf den See gelassen werden, kämpfen wir mit einer Gewichtsbeschränkung: Auf den “Portagen” an denen das Kanu über Land gerollt wird, darf sich nur max 30kg Gepäck im Boot befinden – sonst werden die Trampelpfade zu sehr beschädigt. Wir stopfen noch ein paar Sachen aus unserer wasserdichten Tonne in unsere Rucksäcke. Auf dem Rücken dürfen wir so viel schleppen wie wir können.

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Mehr darf nicht ins Kanu.

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Gepäck für 8 Tage Wildnis – 27kg sind schnell erreicht!

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Unser Abenteuer beginnt mit der ersten Portage. Schnell merken wir, dass es gar nicht so einfach ist unser Kanu auf wackeligen zwei Rädern über Stock uns Stein zu balancieren. Mit dem schweren Rucksäcken beladen, kommen uns 2.1km verdammt lange vor. Schweissgebadet erreichen wir den ersten See.
Das Gewicht von uns, dem Kanu und unserem Gepäck, paddelnder weise über den See zu schieben, ist wesentlich angenehmer. Dazu haben wir phantastisches Wetter. Die Sonne lacht und auf dem spiegelglatten See genießen wir das Panorama doppelt.

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Mehrgepäck muss getragen werden

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Einer der guten Wege!

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Unterwegs gibts kein Kiosk!

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Hammerwetter! Wo ist oben? Wo ist unten?

Wir kommen langsam aber stetig voran. Knapp eine Stunde später erreichen wir die nächste Portage. Der 2.3km lange Trampelpfad wird zur Nervenprobe. Unser “Old Town” Kanu bockt über Wurzeln und Löcher wie ein wildes Nilpferd, schleudert uns fast in die Büsche. Wir versuchen das tiergewordene Kanu zu bändigen. Einer vorne. Einer hinten. Schieben, Drücken, Ziehen! Keiner von uns hat eine Ahnung, aber jeder weiss es besser. Wir bekommen uns in die Haare und sind nach 30min froh, endlich wieder Wasser unterm Kiel zu haben.

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Zimperlich ist hier fehl am Platz

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Schlammpackung gratis.

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Eine Ausnahme – die anderen Einstiege sind matschfrei.

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Ab und zu ein anderes Kanu – ansonsten Einsamkeit pur!

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Viel Gepäck! Aber wir wollen nicht in der Wildnis verrecken! 😀

Weit sind wir noch nicht gekommen (wir haben den halben Tag mit dem Sortieren der Ausrüstung verbracht), doch dunkle Wolken sind aufgezogen und wir entscheiden uns früh das Nachtlager aufzuschlagen. Beim Zeltaufbau rechnen wir mit dem Schlimmsten, haben es zu Hause erst einmal getestet, geht aber einigermaßen. Vielmehr das bärensichere Deponieren unseres Essens macht uns zu schaffen. Ja sogar Zahnpasta, ungeöffnete Konserven und beim Essenkochen getragene Kleidung sollen Bären anlocken. Alles muss in den “Foodcache”, ein großer Metallschrank im Wald. Mona notiert im Tagebuch:
“Machen Lagerfeuer, grillen Würstchen. Dosensuppe auf Feuer. Mona schlecht gelaunt, weil Kram hin- & hergeräume. Keiner findet was – Essen, Creme, Zahnbürste, usw. Klo dunkel (eklig) und weit im Wald (Bär). Gehen früh ins Zelt. Schlafen aber unruhig – es könnte Bär kommen. Außerdem unbequem und warm. Doofes Zelt hat keine Fenster!”

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So dämlich sind wir: Ein Zelt ohne Fenster eingepackt!

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Der Bowron Lake Circuit bietet Wildnis und Abenteuer weit ab von Burger- und Frittenbuden. Oft ist es so still und leise, wie wir es noch nie erlebt haben!

Beim Zusammenstellen der Paddel-Ausrüstung haben wir, statt dem kleinen Ultraleicht-Tekking-Zelt, das große Expeditions-Alpin-Zelt eingepackt (wenn man sich zu Hause nicht entscheiden kann, nimmt man beides mit), denn in unserem Buch “Sicherheit in Bärengebieten” steht geschrieben: “Bären testen die Zeltplane Nachts gerne mit ihren Krallen”. Man solle ein möglichst großräumiges Zelt verwenden.
Nun, groß ist unser Zelt, allerdings hat der Eingang kein Moskitonetz und keine weiteren Fenster – bis auf eine winzige Öffnung, um im Falle eines Schneesturms etwas von außen durchreichen zu können. Na Bravo, Schneesturm – den hätt’ ich jetzt gerne. Stattdessen haben wir 20 Grad und schwitzen uns in einem Zelt ohne Fenster in unseren Daunenschlafsäcken einen ab. Passend dazu der Hinweis an der Zeltwand: “Achtung Erstickungsgefahr! Sorgen Sie für eine ausreichende Ventilation”. Ich ersticke lieber, statt mich von Mücken fressen zu lassen! Und wäre uns nicht schon warm genug, denken wir bei jedem Knacken im Wald, der Bär kommt zum Nachtisch.

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Zum Glück erwischt uns das Gewitter kaum.

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Idyllische Morgenstimmung …

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… aber ein paar mehr Tiere wäre nett gewesen.

Am nächsten Morgen ist es angenehm frisch. Wir machen uns Kaffee, essen Rosinenbrot, packen unsere Sachen und paddeln weiter.
Die Besucherzahl des „Provincial Park Bowron Lakes“ ist limitiert. Rund 40 Paddler werden jeden Tag zugelassen. Zwar treffen wir immer wieder mal auf andere Kanus, sind aber weitgehend unter uns.
An einem schattigen Strand legen wir eine Mittagspause ein. Hühnersuppe und Kit-Kat als Nachtisch.

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Mittagspause. Der Chef kocht persönlich! 🙂

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Am Abend erreichen wir den Campground 20. 22km sind wir heute gepaddelt und sind erschöpft, müssen uns aber mit dem Aufbau des Zelts beeilen, denn am Horizont donnert und blitz es. Wir haben Glück, das Gewitter streift uns nur. Dafür ist es schwül und in dieser Nacht knackt und knarrt es besonders laut im Wald.

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Fensterlos, aber dafür Wasserdicht! 🙂

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Feldküche! Zum Nachtisch Marshmallows!

Unsere Klaustrophobie vor Bären erreicht ihren Höhepunkt. Im Halbschlaf träume ich vom Bär, wie er die Zeltplane „testet“ und wie ich ihm mit dem Taschenmesser auf den Pelz rücke. Lächerlich. Und irgendwie beschissen, denn am nächsten Morgen fühle ich mich, als hätte ich tatsächlich mit dem Bär gerungen.
Apropos „Schiss“: Mit erdrückender Erkenntnis stellen wir fest, dass wir nur 3 Rollen Klopapier dabei haben. Nach einer Hochrechnung des aktuellen Toilettenpapierverbrauchs, müssten wir uns die letzten Tage mit Tannennadeln den Hintern abwischen. Diskussionen folgen, wer am meisten Scheisspapier verbraucht. Bringt natürlich nix.

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Schilder in der Wildnis …

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… und hochmoderne Klos!

Das Paddeln von Sandbank zu Sandbank bei strahlendem Sonnenschein hebt die Stimmung. Um nicht „High“ zu werden, tauschen wir zwischendrin unsere Paddelposition. Mona sitzt hinten und lenkt. Wir schlängeln uns ein wenig durch den See, dann hat Mona keine Lust mehr (auf meine Kommandos) und Wechsel an der nächsten Sandbank. Wer seine Beziehung testen will: Eine Woche paddeln in der Wildnis! 🙂

Am Abend erreichen wir „The Chute“, eine große Stromschnelle. Wir schlagen unser Zelt auf und beobachten anderer Paddler, die im leeren Kanu die schwierige Passage üben. Ein Paar ist gekentert. Wir wägen unsere Optionen ab: a.) Kanu 1km schieben. b.) Stromschnelle fahren (und riskieren, das unsere Ausrüstung auf nimmer wiedersehen im Fluss verschwindet) Klar, b, b, b! Mona ist da nicht ganz so überzeugt, aber schließlich überrede ich sie. Ein bisschen Action halt. Wir üben die Stromschnelle mit leerem Kanu und unter den Augen gespannter Beobachter nähern wir uns kurz darauf der Stromschnelle. Wosch! Eine ordentliche Ladung Wasser landet im Kanu. Aber wir kentern nicht!
Ich übe die Passage noch ein paar mal mit einem erfahrenen Paddler und bekomme einige Tipps, die uns am nächsten Morgen helfen trocken und mit Gepäck beladen “The Chute” zu meistern!

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Üben mit einem Meister-Paddler

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Na wenn das Kinder schon können …

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… dann schaffen wir das auch!

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Spannend: Hier fahren die Kanus die Klippe hoch! 😀

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Yeah! Die Stromschnellen liegen hinter uns!

Danach geht es durch weitere, kleinere Stromschnellen, bis sich der Fluss plötzlich in eine braune Brühe verwandelt. Völlig zerstörte Kanus am Flussufer weissen auf andere Gefahren hin, die hier _unter_ Wasser lauern: Keine Krokodile, sondern sog. “Dead-Heads”, Wurzeln umgestürzter Bäume. Auch hier kommen wir sicher durch. Zwischendurch entdecken wir eine Elchkuh mit einem Kalb – leider das einzige „Wildlife”, welches wir zu Gesicht bekommen.

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Wildlife!!! (Das wars dann auch schon)

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Wir treffen immer wieder die gleichen Leute und freunden uns an.

Die nächsten zwei Tage paddeln wir sehr weit und lange. Teilweise kämpfen wir mit starkem Wind. Mit jeder Nacht in der Wildnis wird die Angst vor Bären kleiner, dafür haben wir Beschäftigung mit schnarchenden Zeltnachbarn oder der Reparatur der Isomatte.

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Die Idylle trügt: Da hinten der schnarcht später wie die Sau!

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“Los! Ich hab wieder alles gepackt und Du machst nur Fotos!”

Nach 6 Tagen und errechneten 50.000 Paddelschlägen erreichen wir den Ausgangspunkt unsere Paddeltour. Die Meisten benötigen zwei Tage länger. Wir sind richtig stolz! Und wenn es im Bericht nicht so klingt: Es war eine richtig tolle Tour! Vielleicht gerade weil es kein Zuckerschlecken war. 🙂
Die nächste Nacht verbringen wir auf dem Campingplatz der Beckers Lodge. Erstaunlich, wie sehr wir uns nach nur 6 Tagen Wildnis über die warme Dusche und unser Dachzelt (mit Fenstern!) freuen. 🙂

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Siegerfoto! Überlebt und zur Nachahmung empfohlen! Es war anstrengend aber super!