Panamericana 2013

… irgendwo zwischen Alaska und Feuerland

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Spring Opener Festival in Seeley’s Bay

_MG_1052Wir machen uns vom Städtchen Gananoque auf in den kleinen Ort Seeley’s Bay. Auf unserer elektronischen Karte im Handy hatte ich das Örtchen entdeckt und dachte mir: “Liegt schön am Wasser. Könnte nett dort sein.”
“Tomorrow there is the spring opener festival in Seeley’s Bay”, gibt uns die Frau von der Touristeninformation in Gananoque noch als Tipp mit, bevor wir uns auf den Weg machen.

Rund 30 Minuten später erreichen wir den Ort. Die Hauptstraße ist auf Grund des Festes gesperrt. Die Umleitung führt über die einzige Nebenstraße. Viel größer ist der Ort nicht.
Am Straßenrand vieler Häuser steht Sperrmüll – könnte man meinen. Stattdessen ist es einer der Programmpunkte des Festes, ein Dorfflohmarkt. Jeder verkauft Zeug, dass er nicht mehr braucht. Wir könnten uns super mit unserem überflüssigen Kram dazustellen!

Gemütlich schlendern wir über die 100m lange “Festmeile”.

Schmuck, Popcorn, Kinderschminken, Zuckerwatte und hausgemachte Gebäck-Leckereien reihen sich aneinander. Der regionale Radiosender untermalt akustisch aus einem Promotion-Auto das bunte Treiben. Ein an der Straße ansässiges Restaurant bietet riesige Sparerips für 5$ an. Hier boxt nicht gerade der Papst, aber das halbe Dorf scheint auf den Beinen und freut sich am tollen Wetter und dem Fest. Einem selbst gemachten Zitronen-Eistee können wir nicht widerstehen, der Preis ist Ermessenssache: “Just for a donation”, steht auf einem Zettel am Krug.

“Normalerweise” kaufen wir keine Lose – aber was ist an dieser Reise schon “normal”? 🙂

Haben wir das große Los gezogen?!

Eine Frau mit einem kleinen, bunten Plastikeimer fängt uns ab: “You want to buy a 50/50 Ticket?”, fragt sie uns fröhlich. Sie erklärt uns, dass wir die Chance haben 50% des Geldes aller verkaufen Tickets zu gewinnen. Normalerweise haben wir mit Glücksspielen wenig am Hut, dennoch kaufen wir uns zum Spass drei Lose für 2$.

Ein Schild mit “Icecream in 30 yummy flavours” lockt uns ins “Nest Egg”. Drinnen gibt es nicht nur zwischen dreizig verschiedene Eissorten zu entscheiden, sondern auch allerlei Deko-Artikel von Künstlern aus der Region.

Unscheinbar, doch dahinter verbirgt sich die süße Sünde!

30 Sorten Eis.

5min brauchen wir, um uns zu entscheiden!

Nicht nur Marmelade, sondern auch Deko gibt’s im Nestegg

Ich bin überrascht, wie man in einem solchen -mit Verlaub- Kuhkaff mit einem Eiscafe überleben kann und wir kommen mit der Besitzerin ins Gespräch. “No, you need a second income”, erklärt uns Dale. Im Sommer sei hier allerdings mächtig viel los. Wir schlemmen zwei Sorten phantastisch schmeckendes Eis und können nachvollziehen, dass es hier mit Sicherheit Wiederholungstäter gibt.

Ich schaffe es der Zuckerwatte, den gebrannten Mandeln, dem Popcorn und den Sparerips zu widerstehen – die Stimmung und der Hunger würden mich alles kaufen lassen. Stattdessen schnippeln wir einen kleinen Obstsalat am Auto. Gesünder, günstiger und nicht weniger schmackhaft.

Auf der Heckklappe vom Toyota sitzend und mampfend werden wir von einem englischen Ehepaar angesprochen. Sie erzählen uns, dass sie mit einem riesigen Motorhome seit 12 Jahren herumreisen. “Yes, it’s quite big. We have 5 TVs inside.”, erzählen sie uns lachend. Sicher etwas, was wir in unserem mobilen Zuhause nicht vermissen werden. Dennoch hätten wir das Monstrum gern mal gesehen. Doch wenn wir sie richtig verstanden haben, sind sie mit dem PKW ins Dorf gefahren, den sie ansonsten hinter dem Wohnmobil herziehen.
Sie waren schon in Alaska, oben in Prudhoe Bay, der nördlichste Punkt unserer geplanten Route. Auf dieser Strecke haben sie drei Windschutzscheiben durch Steinschlag von entgegenkommenden Trucks verloren und lassen uns grübeln, ob wir tatsächlich diesen Weg einschlagen wollen. Im Kopf habe ich schon Ideen, wie wir ein Gitter oder Plexiglas vor unserer Windschutzscheibe montieren könnten…

Vor lauter Palaver hätten wir fast die Ziehung der Losnummern vergessen und eilen zum Fest zurück. Ungläubig schaut Mona auf unser Los, dessen Ziffern alle mit dem gezogenen Los übereinstimmen. “Wir haben gewonnen!”, Mona freut sich wie ein Schneekönig, als wir unseren Gewinn von 61$ entgegennehmen.

Das ist tatsächlich unsere Losnummer!

Das ist tatsächlich unsere Losnummer!

Tata! Wir haben 61 Dollar gewonnen.

Tata! Wir haben 61 Dollar gewonnen.

Seeley’s Bay liegt idyllisch an einem verästelten Zufluss vom Lake Ontario. Auf der Suche nach einem Kajakverleih landen wir bei “Sunny Acres”. Eigentlich werden die Kajaks nur an Mieter der Cottages vermietet, dennoch gibt uns der Eigentümer für 10$ ein Kajak. Mich lockt es eine Runde im See zu schwimmen und wir fragen nach der Wassertemperatur.
“18 Grad”, bekommen wir als Antwort.
“Oh, Sie sprechen Deutsch?”
“Ja, wir kommen ursprünglich aus der Schweiz.”, klärt uns Walter auf.
Wenngleich wir schon eine Möglichkeit zum Übernachten in der Nähe eines Baseballplatzes gesichtet haben, lassen wir Gelegenheit nicht ungenutzt und fragen: “Haben Sie eine Idee, wo wir heute Nacht mit dem Auto stehen und schlafen können?”
So ad hoc fällt ihm nichts ein. Kaum verwunderlich – wer macht sich als Einheimischer schon Gedanken darüber, wo es erlaubt ist im Auto mit Dachzelt zu schlafen?
“Ihr könnt auch hier bei uns stehen. Das macht mir nichts aus.”, bietet uns Walter an. “Wenn ihr auf die Toilette müsst, könnt Ihr das Cottage hier benutzen. Das ist gerade nicht vermietet.” Er zeigt auf eines der kleinen Häuser.

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Jane, Walter und Rita bieten uns eines ihrer Cottages an

Wahnsinn, aber es kommt noch besser: Wir machen uns gerade startklar für die kleine Paddeltour, da kommt eine Frau mit einem Golf-Caddy über den Schotterweg gedüst.
“Hallo, ich bin die Rita!”, begrüßt sie uns mit Schweizer Akzent. “Der Walter hat Euch das Cottage angeboten. Das geht nicht, das ist noch nicht fertig gemacht. Ihr nehmt das hier.” Sie zeigt auf ein großes Cottage am See. “Das ist das schönste Cottage, dass ich habe. Ihr könnt auch die Dusche und die Küche benutzen und natürlich schlaft ihr auch im Bett.”
Sie erinnert sich an eine drei-monatige Reise mit Walter in ein einem Landrover durch Afrika. “Wer weiss, wann ihr wieder in einem normalen Bett schlafen könnt!”, fügt sie lachend hinzu.
Rita und Walter sind vor 30 Jahren mit ihrer 1-jährigen Tochter Jane nach Canada ausgewandert. Zuerst kauften sie sich eine alte Farm mit einigen Hektar Ackerfläche und richteten sie wieder her. Inzwischen ist die Farm verkauft und sie vermieten kleine Cottages – vorwiegend an begeisterte Angler, die hier aussichtsreich mit ihrem Boot auf Fischfang gehen.

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In der Feuerwehrhalle wird BBQ und Tanz geboten

Wir genießen eine heiße Dusche und spazieren zurück zur Feuerwehrhalle. Dort gibt es BBQ. Für 12$ bekommen wir ordentlich den Teller voll geschaufelt.
Während wir das Grillhähnchen mit selbst gemachten Kartoffel-, Nudel- und Broccoliesalat vertilgen, bleiben wir nicht unentdeckt. Schnell spricht sich herum, dass wir nicht von hier sind und keiner scheut sich uns anzusprechen. Wir lernen auch Liz Huff kennen, die für das Marketing des Festes zuständig ist. Spätestens als sie uns um ein Gruppenfoto mit dem Feuerwehrchef für die lokale Facebookseite bittet, kennt uns jeder in Seelays Bay als “Die Deutschen”.
Auch Jolene Hopwood von der Touristen-Info in Gananoque spürt uns auf und empfiehlt uns das abendliche Konzert zu besuchen. Unwissend welches musikalische Highlight uns erwartet, reagieren wir offensichtlich zu zögerlich. Kurzerhand kaufen uns Jolene und ihre Freundin die 30$ teuren Eintrittskarten.

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Regeln gibt es keine – außer Spass haben!

Also finden wir uns 2h später erneut in der Halle ein. Die Band Sheesham and Lotus and Son spielt ein Western-Folklore Mix und versucht den Anwesenden ein Gruppen-Tanz beizubringen. Ein wildes Gewusel auf der Tanzfläche entsteht. Wenngleich die Band nicht 100% unseren Musikgeschmack trifft, ist das bunt-chaotisch, fröhliche Treiben in jedem Fall den Besuch wert! Doch schon um 23:00 Uhr ist Schicht im Schacht und wir genießen es heute kein Zelt aufschlagen zu müssen und kriechen in unser Bett.
Abschließend fällt uns auf, dass alle Anwesenden auch ohne Alkohol enorm viel Spass hatten. 🙂

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Die Band Sheesham and Lotus and Son

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Jung und Alt auf der Tanzfläche

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Unter Anleitung der Sängerin wird zum Gruppentanz aufgerufen

Die freiwillige Feuerwehr und Rettungssanitäter machen sich bereit für ein verrücktes Bootsrennen.

Die freiwillige Feuerwehr und Rettungssanitäter machen sich bereit für ein verrücktes Bootsrennen.

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Los geht’s! Teilweise sind die Boote aus Pappe!

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Erstaunlicherweise erreichen alle das rettende Ufer

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Niemand lässt sich dieses Spektakel entgehen

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Rausgeputzt glänzt die Feuerwehr in der Sonne

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Auch einen kleinen Steichelzoo gibt es …

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… wirklich sehr klein 🙂